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Soziale Teilhabe durch Begegnungsorte | Kurzinterview mit der LAG Mehrgenerationenhäuser und der Servicestelle Kinder- und Jugendbeteiligung

Im Hinblick auf die Bewältigung der aktuellen Energiekrise nehmen offene, niedrigschwellige Orte, wie Mehrgenerationenhäuser (MGH) oder Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen sowie die Jugendsozialarbeit, eine bedeutende Rolle ein – insbesondere für Personen aus sozial benachteiligten oder einkommensschwachen Haushalten. Als erste Anlaufstelle im Quartier stehen diese Begegnungsorte auch in den kalten Wintermonaten jeder und jedem offen. In einem kurzen Interview haben uns Frau Katrin Ballandies, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft der Mehrgenerationenhäuser in Baden-Württemberg, und Herr Thorsten Gabor, Fachreferent der Servicestelle Kinder- und Jugendbeteiligung Baden-Württemberg, berichtet, welchen Beitrag diese Einrichtungen zur sozialen Teilhabe ihrer verschiedenen Zielgruppen leisten können und welche aktuellen Herausforderungen es dabei zu meistern gilt.
 

1. Wie kann durch Mehrgenerationenhäuser insbesondere die soziale Teilhabe von Menschen aus einkommensschwachen Haushalten gesichert werden?

Frau Ballandies: Das Thema Energiekrise betrifft viele Menschen – Ältere, Alleinstehende oder Familien. Hinzu kommt eine Art innere Energiekrise. Die Menschen sind müde und kämpfen gegen die Gefühle von Vereinsamung und Verzweiflung. Die Stärke der Mehrgenerationenhäuser liegt hier ganz klar in der generationenverbindenden Arbeit. Das Herzstück eines jeden MGH ist der offene Treff, der frei zugänglich ist und in dem alle Generationen und Kulturen willkommen sind. Deshalb haben wir schon lange einen breiten Zugang zu Zielgruppen, die schwer oder nicht erreichbar sind. Die Menschen kommen in die MGH, weil sie hier nicht nur etwas nehmen, sie geben auch viel und tragen so zu einem Miteinander im Kleinen mit großer Wirkung bei.

 

2. Wie können armutsgefährdete Kinder- und Jugendliche durch die Arbeit der Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen sowie Angebote der Jugendsozialarbeit unterstützt werden?

Herr Gabor: Vielfältig: Durch die direkte Versorgung der Grundbedürfnisse – Essen, Trinken, Wärme, Spaß, Ablenkung und Sozialkontakte – und durch Empowerment in Form von Angeboten zum eigenen Bewältigen der schwierigen Lebenssituation durch Handeln. Ab einem gewissen Alter können Kinder und Jugendliche auch durch Verdienstmöglichkeiten, Engagementförderung und die aktive Sichtbarmachung der Problemlagen im politischen Raum unterstützt werden. Leitende Fragen hierfür können sein: Wo kann ich einen Ferienjob finden, um mir etwas dazu zu verdienen? Wie kann ich mich im Hinblick auf meine Kompetenzen und Themen mit anderen jungen Menschen zusammenschließen, um uns für andere und mit anderen einzubringen bzw. uns zu beteiligen? Wie werde ich mit meiner ressourcenarmen Lebenssituation in der Politik sichtbar, damit diese darauf reagieren kann (meist mit der Option verbunden als Mensch direkt unsichtbar bleiben zu können)?
 
3. Welche neuen Herausforderungen ergeben sich durch die Energiekrise für die Arbeit der Begegnungsorte und welche möglichen Lösungen und Chancen sehen Sie für diese?
Frau Ballandies: Bemerkenswert ist, dass gerade jetzt die Lebenserfahrung der Älteren gefragt ist. Einkochen, Strom sparen und Resteverwertung sind in den Haushalten wieder Thema. Und so erlebt die ältere Generation wie sie ihr Wissen darum vermitteln kann. Das befördert das generationenübergreifende Miteinander, denn jede oder jeder bringt etwas ein, ob durch eine Spende oder das Teilen der Lebenserfahrung. Dennoch ist sehr deutlich sichtbar, dass jetzt Menschen kommen, die bislang mit ihrem Budget ausgekommen sind. Sie haben Angst vor Verarmung und Stigmatisierung. Landesweit ist zu verzeichnen, dass ein erheblicher personeller Mehraufwand durch Beratungen, Begleitungen und Betreuung entsteht. Darüber hinaus verfügen nicht alle Häuser und Träger über einen entsprechenden finanziellen Spielraum oder personelle Ressourcen. Die aktuellen Zeiten brauchen einen Gesamtplan für das ganze Land, um den generationengerechten und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu unterstützen.
Herr Gabor: Die Anzahl der jungen Menschen, die in prekären Lebensverhältnissen groß werden, wird vermutlich zunehmen und noch sichtbarer werden. Der wichtigste Aspekt scheint mir, dass grundlegende Lebensbedürfnisse gesellschaftlich aufgefangen werden, wenn diese nicht mehr durch die eigene Familie sichergestellt werden können. Dieser Aufgabe müssen sich alle Einrichtungen widmen, die mit jungen Menschen zu tun haben. Neben den Jugendfreizeitstätten und Angeboten der Jugendsozialarbeit sind dies auch die Regelangebote für junge Menschen, wie zum Beispiel Schulen.
 
Kontaktdaten der Interviewten:
Katrin Ballandis
Ehrenamtlicher Vorstand und Sprecherrätin
07141 910 3590
 
Thorsten Gabor
Fachreferent für Kinder- und Jugendbeteiligung
0711 1656 332
 
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