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Einsamkeit in Baden-Württemberg verstehen | Kurzinterview mit Prof. Dr. Maike Luhmann

Die Studie „Einsamkeit und Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Baden-Württemberg 2025“ des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg und der Bertelsmann Stiftung arbeitet erstmals systematisch für Baden-Württemberg heraus, welche Bevölkerungsgruppen in besonderem Maße von Einsamkeit betroffen sind und welche Faktoren diese Entwicklung begünstigen. Damit werden wichtige Grundlagen geschaffen, um passgenaue Strategien und Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Einsamkeit zu etablieren und bestehende Ansätze weiterzuentwickeln.

 

In einem kurzen Interview hat uns Prof. Dr. Maike Luhmann, Professorin für Psychologische Methodenlehre an der Ruhr-Universität Bochum und Co-Autorin der Studie, ein paar Fragen zu den Erkenntnissen über das Einsamkeitsempfinden der in Baden-Württemberg lebenden Menschen beantwortet.

 

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Frau Prof. Dr. Luhmann, in der vorliegenden Studie wurden erstmals umfangreiche Zahlen zur Belastung durch Einsamkeit in Baden-Württemberg erhoben. Warum ist eine solche Datengrundlage wichtig und was zeigen die Zahlen?

Eine solche Datengrundlage ist aus mehreren Gründen wichtig. Erstens kann sie uns zeigen, wie groß das Problem insgesamt ist, wie viele Menschen betroffen sind. Hier haben die Zahlen gezeigt, dass 8,1 Prozent der Erwachsenen in Baden-Württemberg stark einsam sind. Weitere 30,1 Prozent fühlen sich moderat einsam. Insgesamt ist Einsamkeit also für mehr als jede dritte Person in Baden-Württemberg ein Thema.

 

Zweitens sind die Daten hilfreich, um besser zu verstehen, mit welchen anderen Faktoren Einsamkeit zusammenhängt. Diese Informationen können auch genutzt werden, um besonders belastete Gruppen zu identifizieren. Beispielsweise zeigt die Studie, dass einsame Menschen häufiger über eine schlechte Gesundheit klagen. Aus anderen Studien wissen wir, dass eine schlechte Gesundheit sowohl das Risiko für Einsamkeit erhöhen kann – weil man aufgrund der gesundheitlichen Probleme nicht so gut am sozialen Leben teilhaben kann – als auch eine Folge von Einsamkeit sein kann, besonders wenn die Einsamkeit sehr stark ausgeprägt ist und schon lange anhält. Chronisch einsame Menschen haben sogar eine verringerte Lebenserwartung. Ein anderes Beispiel aus der Studie ist der Zusammenhang zwischen Einkommen und Einsamkeit: Je weniger Geld Menschen zur Verfügung haben, desto höher ist ihr Risiko für Einsamkeit.

 

Drittens sind solche Daten auch wichtig, um später evaluieren zu können, ob Maßnahmen gegen Einsamkeit wirklich etwas verändert haben. Wenn diese Art der Studie nach ein paar Jahren wiederholt werden kann, dann könnte man die neuen Zahlen direkt mit denen aus unserer Studie vergleichen und würde dann hoffentlich sehen, dass weniger Menschen von Einsamkeit betroffen sind als aktuell.

 

Welche Gruppen in Baden-Württemberg gilt es bei der Bewältigung von Einsamkeit besonders in Betracht zu ziehen?

Menschen mit geringem Einkommen haben ein stark erhöhtes Einsamkeitsrisiko. Dafür gibt es vermutlich mehrere Gründe. Unter anderem sind Begegnungen und Aktivitäten mit anderen Menschen häufig mit Geld ausgeben verbunden: Ob wir uns für einen Kaffee oder im Restaurant verabreden, ins Kino, in den Club oder auf ein Konzert gehen oder gemeinsam ins Stadion gehen oder selbst Sport machen: Immer muss man etwas Geld dafür übrig haben. Und wer das nicht hat, ist eher von solchen Aktivitäten ausgeschlossen und kann mit der Zeit einsam werden. Wir müssen also Möglichkeiten für soziale Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten schaffen, die nicht ans Portemonnaie gebunden sind.

 

Die Studie hat auch gezeigt, dass Einsamkeit in Baden-Württemberg alle Altersgruppen betrifft. Noch vor einigen Jahren hat man Einsamkeit vor allem mit dem hohen Alter verbunden. Für Seniorinnen und Senioren gibt es daher auch schon ziemlich viele Angebote, die gegen Einsamkeit helfen können – von lokalen Seniorentreffs bis hin zu Telefonhotlines wie Silbernetz, wo man Unterstützung bekommen kann. Aber auch junge Menschen und Menschen im mittleren Erwachsenenalter sind von Einsamkeit betroffen. Bei der Entwicklung von Maßnahmen gegen Einsamkeit sollten diese Altersgruppen viel mehr mitgedacht werden.

 

Es gibt noch einige weitere Risikogruppen, die in der Studie identifiziert werden konnten: Menschen mit Migrationshintergrund oder geringer formaler Bildung und Arbeitslose zum Beispiel.

 

Die Studie geht auch auf die Bedeutung der sozialen Zugehörigkeit zur unmittelbaren Nachbarschaft ein – welche Anforderungen ergeben sich dadurch an lebendige Quartiere in Baden-Württemberg und wie kann das Land die Kommunen bei der Gestaltung von eben diesen unterstützen?

Wir haben festgestellt, dass einsame Menschen weniger Orte haben, an denen sie sich wohlfühlen, öffentliche Treffpunkte wie zum Beispiel Parks oder öffentliche Plätze seltener nutzen und sich ihrer Nachbarschaft weniger stark verbunden fühlen als Menschen, die nicht einsam sind. Diese Ergebnisse zeigen, wie wichtig die Nachbarschaft für Einsamkeit ist. Programme, die Nachbarschaften stärken, Begegnungen erleichtern und Zusammenhalt fördern, können daher auch für die Reduktion von Einsamkeit wichtig sein.

 

Zur konkreten Umsetzung in Baden-Württemberg und zum Zusammenspiel zwischen Land und Kommunen kann ich mich als Psychologin aus Nordrhein-Westfalen nicht qualifiziert äußert. Der Ball liegt jetzt bei anderen.

 

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Wir danken Frau Prof. Dr. Luhmann ganz herzlich für die Beantwortung unserer Fragen!

 

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